Warum hält sich
der Knutschfleck?

Bei der ersten Liebe heißt es: Farbe bekennen. Oder vielleicht doch nicht? Der Knutschfleck changiert zwischen Peinlichkeit und offen zur Schau getragener Trophäe. Er liegt an der Grenze zwischen Verdecktsein und Gesehenwerden und fristet viele Stunden seines nicht allzu langen Lebens unter einem Rollkragenpulli oder Schal.

Der Hals ist für den Knutschfleck wie geschaffen. An der Hand oder am Rücken würde der Liebende vergeblich saugen. Aber am Hals, der sehr beweglich sein muss, ist das Bindegewebe weich und dünn, geradezu prädestiniert für die Bluttat.

Das Blut im Unterhautgewebe fließt durch sehr kleine Röhrchen. "Diese Kapillaren sind auf der Innenseite mit Zellen ausgekleidet, die - anders als die Kacheln im Bad - nicht die ganze Oberfläche bedecken", sagt Hanno Riess, stellvertretender Direktor der Abteilung Hämatologie der Berliner Charité. "Die Zellen sind nicht passgenau." Es gibt Zwischenräume, durch die Flüssigkeiten und Nährstoffe ein- und ausströmen.

Über diesen Zellen liegt das Bindegewebe. Saugt jemand kräftig daran, entsteht darin ein Unterdruck, das Blut tritt durch die Zwischenräume ins Gewebe aus. Blut ist sehr farbintensiv. Daher genügt schon weniger als ein Milliliter, um den Bluterguss sichtbar zu machen. Bei kräftigem Saugen können kleinere Blutgefäße auch platzen.

Der Knutschfleck ist in der Mitte heller als am Rand, wo die Lippen stark angepresst werden. Mit der Zeit verändert er seine Farbe. Die roten Blutkörperchen geben im Gewebe ihren Sauerstoff ab und werden dunkelrot bis blau. Vor allem rücken über die Blutgefäße kleine Helfer nach, um den Schaden zu beheben. Sie bauen den Blutfarbstoff ab. Das dauert eine Weile und geschieht Schritt für Schritt. Enzyme verwandeln das Hämoglobin in blaugrünes Biliverdin, später in gelbbraunes Bilirubin, das übers Blut zu Leber und Niere transportiert und ausgeschieden wird.

Ein Blutsverwandter des Knutschflecks ist das Veilchen, mit dem ein Boxer den anderen beglückt. Dafür braucht er gar nicht so dicke Muckis, weil das Bindegewebe am Auge ebenfalls weich ist. Auch literarisch steht der Knutschfleck dem Veilchen nahe. Vor allem jenem Blümchen, das in einem Liebesgedicht Goethes auf der Wiese steht. Dieses Veilchen liebt eine leider ziemlich unachtsame Schäferin und wird von dieser platt getreten. Es freut sich dennoch, zu ihren Füßen sterben zu dürfen. So wunderbar absurd kann die Liebe sein!