Der Blick zurück


Von Thomas de Padova

Michael Collins klebt mit der Nase am Fenster. "Ein schönes Fluggerät habt ihr da", gibt er über Funk durch, während sich die vierbeinige Mondlandefähre langsam vom Mutterschiff entfernt und mit ihr Neil Armstrong und Buzz Aldrin. Wenn alles gut geht, werden die beiden Astronauten in Kürze im "Meer der Ruhe" landen und als erste Menschen einen fremden Himmelskörper betreten.

Collins bleibt als einziges Besatzungsmitglied in der Mondumlaufbahn zurück. Aber dass sich mit dem Apollo-Programm eine neue Weltsicht den Weg bahnt, wird eher begreifbar, wenn man an ihn, den Dritten im Bunde neben Armstrong und Aldrin, erinnert. Von nun an wird er alleine Runde um Runde um den Mond drehen und alle zwei Stunden die Erde am Horizont aufgehen sehen: eine Oase des Lebens mitten im tiefschwarzen Weltraum.

In der Raumkapsel herrscht eine angespannte Stille. Die letzten vier Tage hat Collins zusammen mit Armstrong und Aldrin in der engen Kommandoeinheit zugebracht. Seit dem Start an der Spitze einer 110 Meter hohen Rakete ist zugleich Schlaf- und Badezimmer für die drei Astronauten gewesen, voll gepackt mit Computern, Steuer- und Funkgeräten, mit Klimaanlage, Raumanzügen und Wartungszubehör.

Nun schweben seine beiden Kollegen in einem spinnengliedrigen Raumfahrzeug der Mondoberfläche entgegen. Collins behält das Vehikel noch eine ganze Weile im Auge, ehe es aus seinem Blickfeld verschwindet. "Redet weiter mit mir, Jungs!"

Er ist jetzt völlig allein. Hundert Kilometer unter ihm zieht düster der Mond vorbei, Vulkane und Schluchten, eine von Kratern gezeichnete Gesteinswüste in allen nur erdenklichen Grautönen. Einen Großteil der Zeit verbringt der 38-Jährige in absoluter Funkstille: hinterm Mond. Die der Erde abgewandte Mondhälfte ist noch rauer, noch zerklüfteter.

Nicht einmal die Landung seiner Kollegen kann er mitverfolgen. "Du bist wahrscheinlich der Einzige weit und breit, der kein Fernsehen hat", sagt ihm ein Sprecher in Houston, als das Mutterschiff wieder einmal aus dem Schatten des Mondes heraustritt. Vergeblich versucht Collins, wenigstens die Landestelle mit einem Sextanten ausfindig zu machen. Er ist ganz dicht am Geschehen dran und bleibt doch außen vor.

350.000 Kilometer entfernt sitzen Millionen Fernsehzuschauer vor ihren Bildschirmen, um die aufregendste Expedition der Menschheitsgeschichte zu erleben. Armstrong zwängt sich am 21. Juli 1969 zuerst in seinem Raumanzug durch die Luke und steigt die Leiter hinab. "Meine Schritte sinken nur ungefähr einen viertel Zentimeter ein ... überhaupt keine Schwierigkeit, hier herumzulaufen." Der Mondstaub ist so fein ist wie Puder. Zwanzig Minuten später hinterlassen auch Aldrins Stiefel ihre Abdrücke darin. Beide sammeln Mondgestein und stellen Messgeräte auf.

Collins erfährt nur über Funk, dass soeben die amerikanische Fahne aufgestellt wurde. Auch er wäre in diesem historischen Augenblick lieber dort unten gewesen. Doch ihm fällt bei dieser Reise eine andere Rolle zu. Während die ganze Welt auf den Mond blickt, schaut er zurück zur Erde. Insgesamt dreißig Runden dreht er mit dem Raumschiff um den Mond, immer wieder beobachtet er, wie die ferne Erde über dem Horizont des Mondes aufsteigt. Sie habe so friedlich und ruhig ausgesehen, "vor allem aber zerbrechlich".

Drei Jahre zuvor, im Juli 1966, konnte er den Globus schon einmal aus dem All betrachten, wenn auch nur aus 800 Kilometern Höhe. Damals verließ er die Gemini-Raumkapsel kurzzeitig für Experimente. Bei dem spektakulären Ausstieg ins All verlor der Astronaut seine Hasselblad-Kamera. Sie entglitt ihm und schwebte in den Weltraum davon - "als erster schwedischer Satellit", wie einige Zeitungen angesichts der Herkunft des Apparats witzelten.

Jetzt schießt Collins viele Bilder, fotografiert den Krater Daedalus und Ausschnitte des Mondhochlandes. Doch der Mond ist in seinen Augen ein geradezu "unheimlicher Ort". Viel wunderbarer erscheint ihm die Erde: eine marmorierte Kugel mit weißen, verwirbelten Wolken über tiefblauen Ozeanen, die Kontinente in einem zarten Braunton. Er habe den ersten Planeten nie so geschätzt, bis er den zweiten sah.

Unter Astronauten gilt der in Rom geborene Collins als Schöngeist. Er malt, züchtet Rosen. Aber andere Apollo-Astronauten haben unter einem ähnlichen Eindruck gestanden wie er. "Jetzt weiß ich, warum ich hier bin", sagte Alfred Worden 1971. "Nicht um den Mond genauer zu betrachten, sondern um zurückzuschauen. Auf unser Zuhause, die Erde!" Charles Duke bezeichnete sie als Juwel. "So farbintensiv und hell, dass man das Gefühl hatte, sie sei zum Greifen nah", sagte Duke gegenüber Andrew Smith, der seine Begegnungen mit den Apollo-Astronauten in dem mitreißenden Buch "Moonwalker" beschreibt. "Alle schilderten die Einheit der Menschheit, wie sie sie aus der Ferne erlebt haben, als eine nahezu mystische Erfahrung."

Die Fotos der Apollo-Missionen sind zum Inbegriff der Einzigartigkeit unseres Planeten geworden. Sie haben ihre Wirkung bis heute nicht verloren. Der Aufbruch des Menschen in den Weltraum wurde zu einer Reise zu sich selbst. Nachdem die Wissenschaft die Erde zunächst aus dem Zentrum des Kosmos verdrängt hatte, erlebten die Astronauten den Globus mit seiner dünnen Schutzhülle als winzige Insel des Lebens. Bisherigen Erkenntnissen zufolge gibt es in unserem Sonnensystem außer der Erde keinen Ort, an dem Organismen für längere Zeit existieren könnten. Erdähnliche Planeten in fremden Sonnensystemen harren weiter ihrer Entdeckung.

Seit das Apollo-Programm im Dezember 1972 wegen der immensen Kosten vorzeitig beendet wurde, hat kein Mensch mehr einen fremden Himmelskörper betreten. Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa hat heute nicht einmal mehr die nötigen Raketen dazu. Statt das Weltall zu erobern, entdeckte der Mensch die Erde.

Die Raketen der internationalen Weltraumorganisationen heben inzwischen vorwiegend mit dem Ziel ab, Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu hieven. Die Erde selbst hat sich in ein gigantisches Forschungslabor verwandelt. Umweltsatelliten ermitteln Daten über das Abschmelzen der Eisflächen in der Arktis oder den Anstieg des Meeresspiegels. Radaraugen und Kameras beobachten die Wüstenbildung und die Veränderung von Vegetationsperioden, helfen bei der Diagnose von Naturkatastrophen wie Stürmen, Flutwellen oder Waldbränden.

Der Blick aus dem Weltraum hat ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge geschaffen. Er hat dazu beigetragen, unseren Planeten als eine Welt gemeinsamer Risiken und einer gemeinsamen Verantwortung zu begreifen. Das ist keine geringe Leistung angesichts der Tatsache, wie klein der alltägliche Horizont jedes einzelnen ist, wie stark die Menschheit in ihrer Gesamtheit aber in die globalen Zusammenhänge eingreift und folglich in solchen Kontexten denken muss.

Es sind nur Bilder, die uns aus dem All erreichen. Von Satelliten und Raumfahrzeugen übertragene Aufnahmen der Erde, die einen hochgradig vermittelten Charakter haben und uns nicht mehr so beeindrucken wie die ersten Fotos der Astronauten vom Erdaufgang über dem Mond. Aber ohne sie wird es der Weltöffentlichkeit kaum möglich sein, einen globalen Wirklichkeitssinn zu entwickeln.