Die Kunst des Fliegens

Die 89 bekannten Arten der Familie der Hirundinidae unterscheiden sich sehr voneinander. So fällt die Trugschwalbe wegen ihrer großen, muskulösen Beine auf, während die kurzen Beine und kümmerlichen Füße einer klassischen Sturmschwalbe die Flugfähigkeit zwar günstig beeinflussen, jedoch zum Laufen wenig geeignet sind. Erstaunlich sind die Flugkünste der Schwalbe. Sie hat einen stromlinienförmigen Körper mit geringem Luftwiderstand und vergeudet nicht unnötig Kräfte. Eine Flussseeschwalbe, die immerhin 75mal leichter ist als der gewaltige Wanderalbatros, ist nur zweieinhalb Mal langsamer als dieser. Sie bringt es auf knapp 30 Stundenkilometer.

Die Schwalbe erhält mit ihren langen, schmalen Flügeln rasch Auftrieb und fliegt gerne in geringer Höhe. Vielleicht ist dies die augenfälligste Parallele zum anrennenden Stürmer, der nach der leichtesten Berührung abhebt und sich auf einmal "nicht mehr gegen die Schwerkraft wehrt", wie Bernd Hölzenbein sein Flugerlebnis im WM-Finale Deutschland gegen Holland 1974 beschrieb. Bei dieser Schwalbe zeigte Hölzenbein den beliebten "Schleppanker". Der Angreifer muss bei diesem üblen Trick nur schnell genug reagieren und seinen nachhängenden Fuß geschickt über ein gegnerisches Bein schleifen lassen. Darin liegt die Kunst einer Schwalbe, in der sich Handballspieler übrigens genauso hervortun wie Fußballer.

Der aerodynamische Knackpunkt beim Schwalbenflug ist die Manövrierfähigkeit. Die schöne Stromlinienform des Schwalbenkörpers kombiniert mit den langen, schmalen Flügeln geht zu Lasten der Beweglichkeit. Eine Schwalbe müsste eigentlich mit geöffnetem Schnabel ziellos durch die Luft jagen und nur die Insekten zu fressen bekommen, die ihr zufällig in die Quere kommen. Dass dem nicht so ist, liegt an ihrem gegabelten Schwanz. So wie der Fußballer beim "Schleppanker" gerne die Beine spreizt, sorgt der gegabelte Schwalbenschwanz dafür, dass sie auch in heiklen Situationen manövrierfähig bleibt. Wie Computersimulationen belegen, verbessert die Symmetrie des Schwanzes die Flugstabilität. Männliche Rauchschwalben mit symmetrischem Schwanz lassen sich nicht so leicht von einem Sperber erwischen wie weniger ebenmäßige Artgenossen, die auch bei den Weibchen nicht besonders hoch im Kurs stehen.

Inzwischen vom Aussterben bedroht sind die Weißschwanzschwalbe, die Stahlschwalbe und die Weißaugen-Trugschwalbe. Letztere wurde seit der Fußballweltmeisterschaft 1982 nicht mehr gesehen.