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Das Weltgeheimnis

Kepler, Galilei und die Vermessung des Himmels











EINLEITUNG


"Drei große Ereignisse stehen an der Schwelle der Neuzeit und bestimmen die Physiognomie ihrer Jahrhunderte: die Entdeckung Amerikas und die erstmalige Erforschung und Inbesitznahme der Erdoberfläche durch die europäische Menschheit; die Reformation und die von ihr veranlasste Enteignung der Kirche und der Klöster ; schließlich die Erfindung des Teleskops und die Entwicklung einer neuen Wissenschaft, welche die Natur der Erde vom Gesichtspunkt des sie umgebenden Universums aus betrachtet." (Hannah Arendt)



Galileo Galilei ist sechzehn Jahre alt, Johannes Kepler acht, als im Herbst 1580 die Nachricht von der zweiten Weltumseglung umgeht. Francis Drake und seine Mannschaft haben mit ihren Schiffen Südamerika umfahren und sind bis nach Kalifornien vorgedrungen. Wieder müssen die Weltkarten neu gezeichnet werden. Drake und andere Seefahrer vermessen den Erdball von Grönland bis hinunter zu den Falkland Inseln, ganze Flotten englischer, spanischer und niederländischer Schiffe folgen ihnen, um die fremden Länder in Besitz zu nehmen und den globalen Handel unter sich aufzuteilen.

Europa bereichert sich mit Silber aus Argentinien, der "Terra Argentea", Edelmetalle aus allen Teilen der Neuen Welt überschwemmen den Markt. Wirtschaftszweige wie der Farbstoffhandel mit Kermesrot brechen ein, weil in der unüberschaubaren Artenvielfalt in Übersee eine bisher unbekannte Schildlaus aufgetaucht ist, die einen neuen, ergiebigen Farbstoff liefert. Selbst Kardinäle wechseln nun die Farbe.

Die Republik Venedig gerät durch die Globalisierungswelle unter Druck. Zum Atlantik, dem Meer der Zukunft, haben ihre Schiffe keinen Zugang. An der Schwelle zum 17. Jahrhundert werden bereits deutlich weniger Geschäfte als zuvor über die prächtige Metropole an der Adria abgewickelt, wo Galileo Galilei seine fruchtbarsten Jahre als Wissenschaftler verbringt, Instrumente baut und physikalische Experimente durchführt.

Im Gegensatz zu Venedig profitiert Prag zumindest für ein paar "goldene" Jahrzehnte von der Verschiebung der Machtverhältnisse. Aus Furcht vor den Türken hat der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seine Residenz von Wien nach Prag verlegt. Rudolf II. holt Künstler und Architekten, Alchemisten und Wissenschaftler an seinen Hof. Auch den Mathematiker Johannes Kepler zieht es hierhin, nachdem er aus Graz vertrieben wurde, wo für die Anhänger lutherischen Glaubens kein Platz mehr war.

Unter dem Schutz des toleranten Kaisers kann Kepler in Prag einer wissenschaftlichen Theorie frei nachgehen, die unter dem Verdacht steht, der Bibel zu widersprechen. Ähnliche Freiheiten genießt Galilei in der unabhängigen Republik Venedig, die alle Einmischungen der römischen Kirche strikt ablehnt. Aber die religiösen Spannungen und politischen Machtkämpfe verschärfen sich hier und an anderen Brennpunkten Europas - der Kontinent steht kurz davor, sich in einem grausamen Krieg zu zerreiben.

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Im Vorspann dieses Dreißigjährigen Krieges erlebt die Wissenschaft einen ungeahnten Aufbruch. Der Beginn des 17. Jahrhunderts steht wie kaum ein anderer Zeitabschnitt in der Geschichte der Naturwissenschaften beispielhaft dafür, wie neue Techniken und das Auffinden universeller Gesetze den Erkenntnishorizont verschieben und den Blick auf uns selbst und unseren Platz im Universum verändern.

Im Sommer 1609 stellt Galileo Galilei auf dem Markusplatz in Venedig ein Fernrohr vor, das er innerhalb weniger Monate zu einem Forschungsinstrument perfektioniert. Das Teleskop lenkt sein Interesse in eine unerwartete Richtung. Durch zwei Linsen sieht er plötzlich Tausende dem bloßen Auge verborgene Gestirne, erkennt Gebirge auf dem Mond und kann den Lauf der Venus um die Sonne verfolgen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Wissenschaft wird auf derart frappierende Weise deutlich, dass die Forschung nicht nur durch gedankliche Konzepte, sondern auch durch technische Entwicklungen vorangetrieben wird.

Ebenfalls im Sommer 1609 veröffentlicht Johannes Kepler in Prag seine wegweisenden Planetengesetze. Er ist ein Freigeist und Querdenker, der darüber spekuliert, dass bis dahin unbekannte Anziehungskräfte die Planeten an die Sonne binden. Außerdem hat er in jahrelanger, mühseliger Rechenarbeit herausgefunden, dass die Planeten auf Ellipsenbahnen um die Sonne ziehen. Keplers neue Himmelsphysik und sein Glaube an streng mathematische Gesetze im Kosmos öffnen ein weiteres Fenster zur modernen Astronomie.

Sein Weltentwurf und Galileis Beobachtungen machen plausibel, warum die Sonne als Zentrum des Kosmos betrachtet werden muss, die Erde dagegen als randständiger Planet. Im selben historischen Augenblick wird die neue Stellung des Globus sowohl durch die Brille der Mathematik als auch durch das Fernrohr sichtbar. Keplers Begeisterung für die Schönheit und Einfachheit des Universums und Galileis Faible für Instrumente und Experimente werden programmatisch für eine Forschung, die die Wirklichkeit durch universelle Gesetze zu beschreiben versucht und durch präzise Techniken in alle Belange unseres Alltags eingreift.

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Dieses Buch zeichnet den Aufstieg der neuen Wissenschaft und die damit verbundenen Umbrüche nach. Im Mittelpunkt steht der Dialog, der sich zwischen dem Italiener und dem Deutschen entspannt und den Kepler voller Enthusiasmus beginnt. Er hat auch mich in die Gedankenwelt und das soziale Netz der beiden Protagonisten hineingezogen.

In ihren Briefen begegnen sich Kepler und Galilei auf dem schmalen Grat zwischen schwärmerischer Begeisterung und nüchterner Analyse, zwischen offenem Gedankenaustausch und Geheimhaltung, zwischen Kooperation und Konkurrenz. Die bisher wenig beachtete Korrespondenz wirft auf beide Forscher ein neues Licht: Im Spiegel des jeweils anderen zeigen sich ihre Weitsicht und Engstirnigkeit, ihre gedankliche Schärfe und Ignoranz.

Eine Gegenüberstellung der beiden schillernden Figuren eignet sich in besonderer Weise dazu zu erkunden, was Forscher bis heute dazu treibt, vertraute Sichtweisen hinter sich zu lassen und ein unbekanntes Terrain zu betreten. Und wie das Neue in die Welt kommt.